Montag, 26. September 2016

Die Arroganz der Gutmenschen

Ein Artikel aus Veits Blog von April 2014, aktuell, brillant, provozierend und lesenswert!



Für jedes weiße Pferd, das du reitest, setzt sich irgendwo auf dieser Welt auch ein schwarzes in Bewegung ... und umgekehrt. Fürchte weder das Licht noch die Dunkelheit. Umarme beides und finde Frieden.

(Aus „SeelenGevögelt“, Veit Lindau)



Kleine Vorwarnung. Der Text könnte dich empören. Sei ruhig wütend und lies ihn (hoffentlich) etwas später noch einmal. Vielleicht legt er den Finger in eine Wunde, die heilen möchte.

Was meine ich mit Gutmensch?

Ein Gutmensch trägt sein Herz am rechten Fleck. Ihn motivieren hehre Ideale. Er möchte gut sein und die Welt retten. Oder er sieht die Welt als Illusion und will nur noch in sich Frieden finden. Er ist empfindsam. Er hat ein Gespür für das Unrecht, welches auf der Erde geschieht. Meistens trägt er selbst eine tiefe Wunde in sich. Er fühlt sich verletzt durch alte Autoritäten, nicht verstanden durch die Macher dieser Welt und auf dem großen Marktplatz des Lebens mit seinen kunterbunten, vielschichtigen Gaben nicht genug gesehen und anerkannt. Er lebt für eine neue Zeit, die kommen muss – eine gerechtere, feinfühligere, verbundenere Ordnung der Dinge. Auf seiner Suche nach Antworten und seinen Streifzügen durch das innere Land der Selbstverwirklichung hat er wertvolle Ansätze kennengelernt – Meditation, Therapie, Veganes Essen, Friedvolle Kommunikation, über seine Gefühle sprechen, Spiritualität, … Diese Elemente tun dem Gutmenschen wirklich gut. Er möchte sie gern teilen. Mit uns allen. So weit so gut.

Doch es gibt einen verborgenen Haken.

Der Gutmensch ist nicht nur gut. Insgeheim fühlt er sich besser. Besser als die alte Welt. Besser als die Banker, die Militärexperten, die Machos alter Schule; die Eltern, die einfach fernsehen wollen, anstatt nach dem Sinn des Lebens zu suchen. Besser als die Menschen, die noch Fleisch essen. Besser als Menschen, die nach Erfolg streben und jeden Tag pflichtbewusst ihrer Arbeit nachgehen ... Er würde es nicht zugeben, unser Gutmensch. Denn sein höchstes Ideal ist es, alle Menschen zu lieben. Doch tatsächlich grenzt er in seinem Geist viele seiner Artgenossen aus.

Immer gut sein zu wollen ist anstrengend.

Denn wir sind nicht nur Licht, wir werfen auch Schatten. Wohin mit der eigenen Dunkelheit, wenn wir doch so strahlen wollen? Wohin mit Gier, Lust, Frust, Neid, Kleinherzigkeit ... Du weißt schon – jene unbequemen Gäste, die uns in stillen, unbeobachteten Momenten gern besuchen kommen, und das, solange wir am Leben sind. Wenn sie nicht mehr in uns verweilen dürfen – weil wir unbedingt gut, positiv, hell, Liebe, Licht und Engel sein wollen – dann gehen die ungeliebten Anteile unserer menschlichen Komplexität in den Untergrund. Sie sind nicht weg. Wir projizieren sie auf fremde Leinwände – unsere Gier auf den Nachbarn mit dem großen Auto, unsere Schwäche auf den Alkoholiker, unsere Streitsucht auf den Politiker und unsere Machtgelüste auf die „Verschwörungen“ dieser Welt.

Der Gutmensch hat ein Problem und das ist seine Ohnmacht.

Er könnte so viel mehr geben und wirken. Er hat wirklich viele, kostbare Impulse und Qualitäten in seiner inneren Schatztruhe angesammelt. Doch die Welt da draußen – die raue, die zerrissene, die schnelle – die will ihn nicht so richtig hören. Er hat insgeheim eine Theorie, woran es liegt: Er ist einfach zu gut. Doch damit liegt er falsch. Er ist zu arrogant. Seine Urteile haben ihn isoliert. Sein Schwarz-Weiß-Denken errichtet unsichtbare Mauern zwischen ihm und denen, die anders sind. Er will sich nicht mehr schmutzig machen, in dem er absteigt in seine eigenen dunklen Gefilde – um dort all das wieder zu finden, was er im Außen als hässlich, nicht richtig und falsch empfindet. Es ist einfacher, sich mit ein paar Gleichgesinnten in einer Enklave der guten Gedanken und simplen Konzepte einzulullen, anstatt die Augen zu öffnen und zu sehen:

> Die Welt des Gutmenschen ist eine Luxuserscheinung, errichtet auf dem Erbe seiner Vorfahren – jener Menschen, die er nun verachtet.
> Die Gruppierungen, die er mit (verborgen) erhobenem Zeigefinger richtet, sitzen – ob er will oder nicht – mit ihm in einem Boot. Wir werden miteinander rudern lernen oder irgendwann sinken. Verständnis zu leben ist ungleich schwerer, als es zu predigen.
> Frieden – innen und außen – wird es erst geben, wenn das Dunkle und das Helle sich an einem Tisch wiederfinden und einander lauschen, wie die Finger einer Hand.

Wer sollte diesen Dialog einleiten, wenn nicht unser Gutmensch?

Die Ideale dafür hat er schon. Jetzt muss er nur noch bereit sein, sich der Mühsamkeit des Brückenbauens zu stellen. Wenn der Gutmensch seinen Traum verlässt und auf die Straße geht – nicht um GEGEN etwas zu kämpfen, sondern dem ANDEREN zu lauschen…. wenn er zum integralen Weltenwandler wird, gewinnt er an Flexibilität und Einfluss.



Seine Frustration, nichts bewegen zu können, schwindet und weicht einer Lust am Mitgestalten.



Vielleicht bist du sauer und denkst: Wie kann der Lindau so etwas schreiben?

Ich kann es, weil ich selbst da war und natürlich auch immer mal wieder in die Falle des moralischen Richtens tappe. Ich schreibe es, weil ich das zarte, farbenfrohe Potenzial des Gutmenschen liebe und die Welt es wirklich braucht. He! Sieh es nicht als Angriff, sondern als eine sportliche Einladung, das, was du als WESENTLICH erkannt hast, noch mehr, noch wirksamer, noch verbindender mit uns allen zu teilen.

Ich habe selbst Jahre auf meinem Meditationskissen gesessen und wusste, wie ich es alles besser machen würde, wenn ich doch die Macht hätte. Seitdem ich den Elfenbeinturm verlassen habe, kann ich nicht mehr so einfach mit Steinen werfen, denn ich sitze im Glashaus der Menschlichkeit. Ich treffe zum Beispiel als Unternehmer, verantwortlich für dutzende Jobs, Entscheidungen, für die ich mich damals, als arbeitsloser Sinnsuchender verachtet hätte. Ich mache mehr Fehler, seitdem ich anpacke, anstatt anderen dabei zuzusehen. Ich bin öfter still, denn die Sache ist komplexer, als ich dachte.

In den letzten Jahren durfte ich mit sehr verschiedenen Menschen an einem Tisch sitzen und lauschen: spirituellen Lehrern, Aussteigern, Millionären, Bankern, Huren, Rappern, Yogalehrern, Vertretern von Pharmakonzernen, Umweltaktivisten,… Ich bin für jede dieser Begegnungen dankbar. Ich bin kein Christ im religiösen Sinne. Doch Jesus als symbolischer Archetyp hat mich schon immer fasziniert. Seine Bereitschaft, sich mit allen an einen Tisch zu setzen und ihre Sprache zu sprechen, um sie dann an ihre Unschuld zu erinnern – davon können wir alle etwas lernen.

Die Grenzen zwischen Gut und Böse sind nicht mehr so eindeutig zu ziehen, wenn du mit offenem Herzen zuhörst. Der Hells Angel offenbart seine zarte Seite und der Heilige seinen dunklen Keller. Alle spiegeln mir eigene Anteile – wunderschöne und hässliche. Ich darf den Dreck im Licht und das Licht im Dreck entdecken. Das Leben ohne den Dünkel, alles zu wissen, ist komplexer und – paradoxerweise – einfacher.

Wenn du kein Gutmensch mehr bist, kannst du Mensch sein. Das schenkt Frieden und Mitgefühl. Du kannst offener lauschen, wenn dir ein anderer sein Universum öffnet. Und wer weiß, vielleicht geht seine Tür so weit auf, dass du deinen guten Reichtum mit ihm teilen kannst.

Mit herzlichem Gruß, Veit Lindau


[Quelle: Veits Blog]







Johannes (schnittpunkt2012@gmail.com)





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