Freitag, 27. Mai 2011

Viktor und die Krise

„Seien wir bescheiden, verlangen wir das Unmögliche“ Che Guevara



Schlimmer kann’s im Vorfeld der „Neuen Zeit“ (= Zeit im und nach dem Crash) wohl nicht mehr kommen. Ein Wiener, noch dazu Techniker und Sonstiges bemüht den berühmten Wiener Psychiatrie- und Neurologieprofessor Dr.Viktor E. Frankl, den Begründer der Logotherapie. Unglaublich. Und dies obwohl dessen Freunde fest und steif behaupten, dass der Autor dieser Zeilen einen Psychiater von einem Psychologen gar nicht imstande ist zu unterscheiden. Aber sei’s drum, der Mann hat Mut und bemüht trotzdem den berühmten Arzt und ehem. KZ-Insassen. Warum? Weil es wichtig ist. Sogar sehr wichtig, wie Sie geneigter Leser und geneigte Leserin (ich bleibe bei der Gender-Trottelei) weiter unten bemerken werden.

Nach meinen beiden bisherigen Artikeln „Goethe und die Krise“ und „Dali und die Krise“ begebe ich mich nunmehr mit „Viktor und die Krise“ auf dünnes Eis. Auf sehr dünnes Eis sogar.

Da dilettiere ich bei dem Versuch mich einem der bedeutendsten und weltweit anerkannten Psychotherapeuten im Zusammenhang mit der Krise zu widmen und werde wohl versagen. Warum versagen? Einfach weil ich den Psychiatrie-Themen persönlich mit nur ganz wenigen Erfahrungen gegenüberstehe, da ich bisher nicht einmal eine veritable Depression oder gar eine Psychose mein Eigen nennen durfte. Und mit meinen aktuellen Neurosen komme ich spielend zurecht. Manchmal tue ich sie sogar hätscheln. So bin ich. Auch benötige ich keine von Prof. Frankl entwickelte Logotherapie (durch psychotherapeutische Intervention wird versucht, dem Patienten wieder einen Sinn in sein Leben „einzuhauchen“) da in mir noch immer genug Lebensleidenschaft und Lebensinhalt steckt. Nicht einmal eine Libido-Therapie benötige ich. So schlimm stets um mich, wo man heutzutage doch erst dann „in“ ist, wenn man in jedem zweiten Satz auf seinen Leib-Therapeuten zu sprechen kommen kann.

Halt: Eine ganz kleine Verbindung zu Prof. Frankl gibt es meinerseits schon. Erstens las ich sein wohl berühmtestes Buch „Der Mensch auf der Suche nach Sinn“ bereits knapp nach dessen Erscheinen und zweitens kannte ich ihn sogar persönlich. Nicht wirklich gut, doch durfte ich um 1992 bei einem seiner Vorträge am Praterstern dabei sein. Dass ich in meiner Volksschulzeit einige Jahre in Wien-Leopoldstadt tagtäglich an seinem ehemaligen Wohnhaus in der Czerningasse vorbeiging, weiß ich erst, seit an dem besagten Haus eine Erinnerungstafel prangt.

Dass ich im Titel dieses Artikels den berühmten Professor mit „Viktor“ anspreche, möge man mir entschuldigen, doch ist dies mein ganz persönlicher Ausdruck einer inneren Verbundenheit. Und auch ich unterliege ja der Freiheit der (Schreib-)Kunst.

Genug meines Psycho-outings und meiner Erinnerungs-Allüren. Kehren wir nunmehr endgültig zu Prof. Dr. Viktor E. Frankl (1997 verstorben), dem Seelen-Doktor der „Dritten Wiener Richtung der Psychotherapie“ zurück, dessen sinngemäße Aussage

„Wir haben immer mehr wovon wir leben können, aber immer weniger wofür“

mich gerade im Zusammenhang mit der Krise gedanklich beschäftigt.

Mit Sicherheit hat „Viktor“ Recht, wenn er meint, dass wir (bisher) mehr zum Leben hatten und weniger ein „Wofür“. Aber war nicht gerade auch das „Mehr zum Leben“ ein Mehr durch langfristige Anhäufung von Schulden. War der jahrzehntelange Wohlstand nicht doch ein Wohlstand auf Pump. Zum Teil sicherlich, wenn man sich gerade auch die Verschuldunggrade privater Konsumenten ansieht. Was wirklich boomt ist nicht die Realwirtschaft, sondern sind die Schuldenberatungsdienste allen Orts.

Vereinfacht könnte man daher sagen: Wir hatten viel auf Schulden zum Leben und ein „Wofür“ kam uns – gerade wohl auch deswegen – abhanden, bzw. das „Wofür“ fand z.B. manchmal sogar seinen pervertierten Ausdruck, dass so mancher, Kredit abstotternde, Autobesitzer sein Vehikel mehrmals die Woche wusch und polierte (vor meinem einstigen Gassenbüro einige Jahre so gut wie täglich beobachtet), anstatt sich zumindest mit einem kleinen Teil seiner geistigen Möglichkeiten auch immateriellen Dingen zu widmen. Kirchgang mit eingeschlossen (dieser Satz wird meinem Freund Robert Klima sehr freuen). Konsumieren auf Kredit, statt Nachdenken ohne finanziellen Aufwand war die Devise. Der Rest existentieller Frustration wurde dann vom Fernsehen besorgt.

Die „Neue Zeit“ wird wohl Gelegenheit geben, das geistig Versäumte wieder zu beleben. Reorientierungen stehen ante portas.

Als ich vor ca. 15 Jahren im Sinne eigener Studien ein 18-jähriges Fräulein, absichtlich spontan fragte, was sie am aller liebsten machen täte, antwortete diese ebenso plötzlich wie bestimmt „ansaufen“. Ich war perplex, dachte ich doch an Antworten wie „eine schöne Reise machen“, oder „eine Tanzschule“ besuchen, etc. Aber ansaufen? Natürlich kann ich das Frankl-Thema nicht wirklich bewältigen wie Sie sehen, da ja sogar in diesem geschilderten Fall unser 18-jähriges Fräulein tatsächlich – zwar subjektiv – aber doch „ein erstrebenswertes Ziel“ für sich zum Ausdruck brachte. Auch ich komme viel herum und wenn ich es auch übertrieben formuliere, aber viele Jugendliche - jeglicher Schulzugehörigkeit - können oftmals mehr „gut saufen“ (Stichwort Komatrinken), als ausreichend lesen (siehe PISA-Studien) und so gut wie kaum schreiben.

Auch 3% von 100 zu errechnen ist sogar besonders vielen Schulabsolventen nicht möglich. Ich meine nicht nur in ihrer Schulzeit nicht möglich, nein, auch nach deren Austritt. Und dies für immer. Man braucht nur Berichte von Lehrherren und ihren Begegnungen mit Lehrstellensuchenden lesen. Und schon täte Selbstmord wieder Sinn machen. Mich Hedonisten holt ja – wie Sie schon lange wissen – in solchen Situationen stets die Rothaarige wieder heraus. Nach einer „schwachen Stunde“ mit ihr ist alles wieder im Lot. Ehrlich !

Aber wenn ich nunmehr meine, dass der Satz von Prof. Frankl

„Wir haben immer mehr wovon wir leben können, aber immer weniger wofür“

sich wohl bald überholt haben wird, weil wir in Zukunft ganz einfach weniger materielle Dinge haben werden und im schlimmsten Fall sogar weniger zum Essen haben könnten; ja dann wird sich ein „Wofür“ ganz automatisch finden. Wir sollten auch nicht vergessen, dass Milliarden Menschen jetzt schon ihr „Wofür“ in der Erlangung ausreichender Ernährung finden müssen. Eine Milliarde Menschen hungert und abertausende sterben auch daran. Wohlgemerkt täglich!

Als ich um 2000 einem 35-jährigen Mann kroatischer Herkunft namens „Luka“ unter ganz außergewöhnlichen Umständen wieder begegnete, welcher mich u.a. auch fragte, ob ich je Hunger hatte um mir sodann einen Teil seiner Lebensgeschichte zu erzählte, wo auch Hunger und noch mehr Ungemach vorkam und Lösungen zur normalen Gestaltung seines Lebens in diesem Fall tatsächlich durch besondere Umstände nicht wirklich möglich waren (ja so etwas kann es geben) kamen mir Tränen. Nur zu einem kleinen Teil konnte ich ihm mit der Besorgung eines Quartiers in Wien helfen. Er verstarb ca. zwei Jahre später recht tragisch, doch ziert seit damals ein Erinnerungsfoto von ihm mein Heim. Er hat mir einst auch einen ganz besonderen Brief geschrieben. Er liegt bei meinen persönlichen Dokumenten. Und wenn ich auch heute noch an meinen verstorbenen Freund Luka denke, kommen mir manchmal noch immer Tränen.

Aber jetzt, mein ganz persönlicher Vorschlag im Sinne Prof. Frankls: Stellen Sie ihr ganz persönliches „Wofür“ auch – aber nicht nur - in den Dienst der Ihnen bekannten Vorsorgevorbereitungen um der Sache schon jetzt „Sinn“ zu geben, was sich später bezahlt machen könnte. Schon 2012 könnte es zu spät sein.

Die Zukunft wird zeigen, wie „stimmig“ meine obig formulierten Gedanken gewesen sein werden. Ich bin optimistisch, dass sie sich als „stimmig“ herausstellen könnten.



Gastbeitrag von Ing. Wilmont Franta

Ing. Wilmont Franta, in Wien lebender Sicherheitspädagoge (weitere Infos via Google Österreich) - Affirmative, kritische oder auch beleidigende oder böse Zuschriften bitte an E-Mail: ing.w.franta@sicherheit-mediation.com




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1 Kommentar:

Jo hat gesagt…

Die Frage stellt sich mir nicht aber ich formuliere sie mal, was hat das Leben für einen Sinn. Jeder einzelne Mensch stellt sich die Frage wohl des öfteren, macht sich aber nie die Mühe länger darüber nachzudenken. Denn, der Fernseher läuft ja im Hintergrund etc. und Morgen muss man ja wiedr zur Arbeit einen job den man nicht mag aber der ein bissel Kohle abwirft, und bis zur Rente iss auch nicht mehr lange,,, aber dann, ja dann ist man meistens völlig verkalkt und verblödet und will keine Anderung mehr im leben riskieren, man wartet auf den Tod natürlich auf gehobenem Niveau.

Kriesenvorbereitung ist was für Leute die ein danach noch erleben wollen, und dann die mögliche völlige Anderung ihres Lebens als Chance sehen für sich und andere.