Samstag, 17. April 2010

Über den Tellerrand geschaut ... (Teil II)

Bilanzen sagen bei Unternehmen in der Regel einiges über die Wirtschaftlichkeit aus. Vereinfacht ist es die Gegenüberstellung von Aktiva (Vermögen) und Passiva (Schulden). Dabei sollte sich ein positiver Überschuss, ein Gewinn ergeben. Natürlich wird versucht, durch diverse gesetzliche Möglichkeiten, den Gewinn so klein als möglich zu halten, da dadurch weniger Steuern bezahlt werden müssen. Dazu wird ein Spezialist benötigt, ein Steuerberater. Der zeigt eventuelle Schlupflöcher auf oder rät zu Investitionen. Innerhalb dieses Spielraumes wird entsprechend gehandelt und die Bilanz erstellt. Grundsätzlich sagt die Bilanz aus, wie es um das Unternehmen wirtschaftlich bestellt ist und wie die Bonität, die Kreditwürdigkeit einzustufen ist.

Banken und Versicherungen haben eigene Regeln zu bilanzieren. Dabei werden Papiere selbst bewertet, die meist einen viel geringeren oder auch höheren tatsächlichen Verkehrs- oder Marktwert aufweisen. Dadurch werden Bank- und Versicherungsbilanzen verfälscht. Das heisst, der wahre wirtschaftliche Wert des Unternehmens stimmt nicht mit dem ausgewiesenen Wert aus der Bilanz überein. Warum? Durch das eigene Bank- und Versicherungsbilanzierungsgesetz können Papierwerte, aber auch Immobilien selbst, das heisst vom Unternehmen, in der Bilanz bewertet werden. Führt man beispielsweise einen Fond, der ziemlich hohe Verluste eingefahren hat, so setzt man den Wert nicht aktuell an, sondern jenen Wert, den der Fond erreichen sollte ... Dadurch sind diese veröffentlichen Zahlen mit äussester Vorsicht zu geniessen. Kurz, das wirtschaftliche Bild wird verzerrt wiedergegeben. Da irgendwann die Laufzeit jedes Fonds, jeder Versicherung und jedes Zertifikates abläuft, muss das Unternehmen, welches mit solchen Tricks arbeitet, eine "Nachbewertung" durchführen. Wie in den letzten Jahren offensichtlich wurde, mussten einige "plötzliche" Nachbewertungen durchgeführt werden und Verluste in Kauf genommen werden. Plötzlich war Feuer am Dach, die Verluste summierten sich und die Bank kam in Schieflage ...

Gefährdet sind vor allem Papiere, die zum Grossteil aus nicht realen Werten bestehen, zB. aus Wetten, ob andere Werte steigen oder fallen - sogenannte Leerverkäufe. Grundsätzlich eine Möglichkeit, in kürzester Zeit sehr viel Gewinn zu machen, aber auch sehr hohe Verluste einzufahren. Aber, lieber Freund, glaube nicht, dass diese Märkte nicht manipuliert werden. Dadurch kann es zu irrationalen Schwankungen und selbst für Insider zu extremen Verlusten kommen. Die Chuzpe mit den VW-Aktien hat dies eindringlich gezeigt und einige Investoren, vor allem Hedgefonds, ziemlich bluten lassen, als sie immer noch auf fallende Kurse setzten, nachdem die Aktie eine nicht für möglich gehaltene Schallmauer von 500 Euro durchbrochen hatte und nur Tage später auf mehr als das Doppelte kletterte. Milliardenverluste für viele, Milliardengewinne für wenige ...

In den Jahren 2008/2009 mussten einige Banken zugeben, dass sie sich auf diese Weise verspekuliert haben. Klar, nicht mit eigenem Geld, sondern mit Geld der Kunden. Plötzlich klopften sie bei den Regierungen an und bettelten um Geld ... sonst wäre es zu spektakulären Pleiten gekommen. Waren Banken systemrelevant, das heisst, wiesen sie eine gewisse Grösse auf, bekamen sie auch entsprechend Milliarden aus Staatsvermögen. Kleinere Banken liess man sterben oder diese wurden übernommen.

Nun mag man denken, die Banker haben aus diesen Vorfällen eine Lehre gezogen. Doch das Gegenteil war der Fall, war man wieder kapitalisiert, das heisst, hatte der Staat Steuergelder (oder noch schlechter, frisch gedrucktes Geld) zur Rettung der Banken zugeschossen, so ging dieses Zocken auf Casino-Niveau weiter ...

Du musst verstehen, lieber Freund, das sind absolute Spezialisten und Insider, so wie man sie jeden Abend auch in den Casinos beobachten kann. Sie wissen immer, wie viel Geld zu gewinnen ist, doch die Verluste sprechen eine meist deutlichere Sprache. Es ist, so wie am Roulettetisch auch, man gewinnt, geht ein immer höheres Risiko ein und weiss nicht, wann der ideale Zeitpunkt gekommen ist, um auszusteigen. Diesen zu übersehen, bringt den Spieler meist in die Verlustzone. Doch Verluste müssen ausgeglichen werden, deshalb spielt man weiter, in der Hoffnung wieder zu gewinnen. Fatal dabei ist, manchmal gelingt dies, meist aber nicht!

Dazu kommt, dass jene Spezialisten ein, zwar nicht zu niedriges, aber doch nicht hohes Grundgehalt beziehen und für den Erfolg (teilweise auch Misserfolg!!!!) Boni, also Prämien, beziehen. Und nein, sie müssen, solange sie sich im Rahmen der Gesetze bewegen, keine Schadenswiedergutmachung aus eigener Tasche bezahlen. So entsteht eine enorm schiefe Optik, wenn die Bank jene Steuermilliarden, oder einen Grossteil davon, als Boni und Prämien ausbezahlt, an Mitarbeiter, die vor kurzem noch enorme Summen in den Sand setzten. Quasi Steuergelder als Misserfolgsprämie!

Derzeit wird der weltweite Markt von solchen Papieren, darunter auch die berüchtigten CDS (Credit Default Swaps) auf eine Summe von über 850 Billionen US-Dollar (in Zahlen: 850.000.000.000.000) geschätzt. Das ist das 17fache des weltweiten Bruttosozialprodukts. Das heisst, das 17fache, was global pro Jahr wirtschaftlich durch Dienstleistung erwirtschaftet wird!!! Dass das nicht gutgehen kann, wird jedem einleuchten, oder?

Zusätzlich kommt eine Entwicklung hinzu, die zwar absehbar war, aber anscheinend doch für viele Banken und Versicherungen plötzlich wie ein Tsunami über sie hereingefallen ist und die intransparenten Gebilde dieser Dienstleistungskonzerne ins Wanken bringt. Ich meine die Immobilien. Dieser Markt richtet sich nach Angebot und Nachfrage. Werden private oder gewerbliche Immobilien benötigt, steigt der Preis, sinkt das Interesse, so fällt der Preis. Bisher ein umkämpfter und lukrativer Markt. Doch mit der Krise ist die Nachfrage gefallen und damit auch die Preise ... Fonds, die Immobilien enthalten, mussten wertberichtigt werden, das heisst, sie fahren auf diesem Sektor enorme Verluste ein, wie in den letzten Tagen der Goldman-Sachs Immobilienfond zeigte.

Jetzt zeigt die Dynamik der Krise, dass wir uns tatsächlich in einer Depression befinden. Jetzt fallen auch Realwerte und wer darin investiert hat, könnte ein Problem bekommen.

Um den gestrigen Artikel miteinzubeziehen, Werte aus Staatsschulden (Staatsanleihen), Immobilien und auch irreale Werte wie CDS, die auf reiner Zockerei basieren, können jederzeit auch grosse, systemrelevante Unternehmen, sowohl Banken wie Versicherungen, in gewaltige Schieflage bringen. Und damit ein weiteres Erdbeben in der globalen Finanzwelt auslösen. Dieses Erdbeben wird früher oder später kommen, weil alle Grossbanken darin verwickelt sind und ihren Drang zum Zocken nicht unterdrücken konnten. Waren doch in den letzten Jahren sehr, sehr viele "Papiermilliarden" zu gewinnen ...

Die Pleite von Lehman & Brothers hat gezeigt, wie fragil und verletzlich unser Finanzsystem letztendlich ist. Man weiss dies, hat aber seit Herbst 2008 die Möglichkeit nicht genutzt, neue Regeln aufzustellen, im Gegenteil. Deshalb ist es fast sicher, dass uns dieses System der Gier auch um die Ohren fliegt!

Fortsetzung folgt!







Johannes (schnittpunkt2012@gmail.com)



Meldungen:



Euro-Crash Ticker - April 2010/II (kopp-verlag.de)

Staatsanleihen: Eine tickende Zeitbombe? (goldseiten.de)
"Der Euro ist der größte Irrtum in der Währungsgeschichte" (abendblatt.de)
Morgan Stanley: DE langfristig vor Eurozonen-Austritt (dasgelbeforum.de.org)
Haushaltskrise: Beamtenpensionen explodieren (mmnews.de)
Griechenland: Defizit 2009 wohl noch etwas höher als bekannt (derstandard.at)
Der Fall Griechenland soll vor Gericht (tagesspiegel.de)
Und täglich droht die Griechen-Pleite (ef-magazin.de)
Italiens Kommunen: Warten auf die Derivateimplosion (wirtschaftsfacts.de)
JP-Morgan-Chef fordert mehr Einfluss für Banken (welt.de)
Goldman Sachs schockiert Anleger mit Horrorverlust (spiegel.de)
Goldman Sachs: Kreditwürdigkeit plötzlich schlechter als die Kolumbiens (blicklog.com)

Hinter der Fassade (hartgeld.com)
Failed Bank List (fdic.gov)



GEAB N°44 ist angekommen! Umfassende weltweite Krise / USA- GB: 2. Halbjahr 2010 – Die beiden Staaten vor dem Abgrund Sommer 2010: Die Schlacht um die Bank of England / Winter 2010 – Die US-Fed vor der Insolvenz. (leap2020.eu)

USA: 8 Banken pleite - In den USA sind am Wochenende gleich 8 Banken geschlossen worden. Niemals zuvor wurden an einem Tag so viele Banken dicht gemacht. Damit erhöht sich die Zahl der Bankpleiten dieses Jahr auf 50 Institute. Einlagensicherungsfonds muss 1 Milliarde Dollar zahlen. (mmnews.de)

ABACUS 2007-AC1 - "Gottes Werk" - Die US-Börsenaufsicht, US Securities and Exchange Commission (SEC) teilte heute mit, dass sie die Geschäftsbank Goldman Sachs wegen Wertpapierbetrug verklagt! Ein bemerkenswerter Vorgang, schließlich verrichtet Goldman Sachs nach Intention von CEO Lloyd Blankfein nur "Gottes Werk"! Im Selbstverdrängungsmechanismus der Finanzmarktakteure ist der Weg von einem "organisierten Betrug" zu "Gottes Werk" nicht weit. (wirtschaftquerschuss.blogspot.com)

Und was tun sie jetzt? Der Streit um die Risiken einer Inflation spaltet die mächtige amerikanische Notenbank Fed in zwei Lager. Nie war der richtige Weg aus der Krise schwerer zu finden als jetzt. (zeit.de)

Bankster verbünden sich mit Federal Reserve um Billionen an Rettungsgeldern geheim zu halten - Die Banken sagen, dass sie vor den US-Bundesgerichtshof ziehen um die Offenlegung zu verhindern. (propagandafront.de)

Vergessen Sie Griechenland – Kalifornien steckt in einer viel tieferen Haushaltsklemme - Wall-Street-Banken wie »Goldman Sachs« und große Hedgefonds-Spekulanten richten ihre Aufmerksamkeit auf das – momentan eher geringe – Risiko eines griechischen Staatsbankrotts. Im Vergleich zu der Haushaltskrise im US-Bundesstaat Kalifornien wirkt die Lage in Griechenland wie ein sprichwörtlicher »Sturm im Wasserglas«. (kopp-verlag.de)

Neuer Rettungsplan für klamme Staaten - Nach dem Griechenland-Desaster wollen die Länder der Euro-Staaten für weitere Notfälle vorsorgen. Die Finanzminister planen einen „Krisen-Mechanismus“. (focus.de)

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1 Kommentar:

divo hat gesagt…

Johannes, dieses System wird sterben, ja muss sterben - aber nicht, weil keine neuen Regeln eingeführt wurden, sondern weil es überhaupt reguliert wird. Regulierte Geldsysteme sind bisher immer untergegangen und werden auch in Zukunft immer untergehen. Aber nicht, weil wenige enorm verdienen und viele verlieren, sondern weil niemand wissen kann, was für alle Wirtschaftssubjekte gut ist.

Es ist ganz einfach: Geldsysteme sind selbststeuernd durch die Vorlieben und Abneigungen der Wirtschaftssubjekte, die in und mit diesem System agieren.

Daher ist die Reparatur der Geldsysteme brutal einfach - durch Aufgabe aller Regulierungen und Festlegung, was Geld ist. Der Markt soll feststellen, was Geld ist, dann ist es gerecht und wird von allen akzeptiert.

Ein freier Markt ist immer gerecht - aber nicht gewünscht, weil der Staat und die Finanzeliten dann die aktiven Wirtschaftssubjekte nicht aussaugen können. Ein wirklich freier Markt mit freiem Geldsystem ist der Tod der Banken und Staatskraken. So etwas bekommen wir nur, wenn die aktuellen Machtstrukturen absterben. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg.