Montag, 25. Januar 2010

Ist der europäische Traum ausgeträumt?

Wenn plötzlich, wie vergangene Woche, die eigene Währungsbank (EZB) vor einem möglichen Währungskollaps (€uro) warnt, dann ist bereits Feuer am Dach. Denn bisher hat die EZB logischerweise ihre eigene Währung immer verteidigt. Stehen wir kurz vor einem Währungskollaps oder dem Zerfall der Währungsunion?

Durch die Verschuldung einzelner Staaten, allen voran die PIIGS-Staaten (Portugal, Italien, Irland, Griechenland und Spanien), aber auch Grossbritannien, ist der €uro ziemlich unter Druck gekommen und heizt, jetzt auch offen in den Mainstreammedien, die Diskussion an. Ein wichtiger Punkt dabei sind die jahrelangen "Bilanzfälschungen" der Griechen, bei denen man bis heute nicht weiss, welches Zahlenmaterial wirklich stimmt. Man nimmt aber an, dass die bisher gefundenen Manipulationen noch nicht alles sind. Der frische Kapitalbedarf ist immens, die Flucht aus griechischen Papieren hat bereits begonnen.

Die EZB bzw. die EU hat vorerst abgewunken, frisches Kapital für Griechenland bereit zu stellen. Wenn allerdings keine griechischen Staatsanleihen mehr angenommen werden, muss irgendwie ein Weg gefunden werden, Griechenland mit neuem Geld zu versorgen, ansonsten wird der Euroverbund sofort gesprengt. Liegt der Ball jetzt bei Deutschland und Frankreich? Die sich allerdings eine Eurohilfsaktion kaum leisten können und diese auch politisch kaum durchbringen werden.

Die Crux an der Sache ist, dass wenn Griechenland geholfen wird, auch andere Staaten sofort die Hand aufhalten werden. Und wenn man die Explosivität betrachtet, die ein Staatsbankrott eines Staates im Euroverbund bringen wird, ahnt man die fast ausweglose Situation.

Was kann dagegen unternommen werden? Möglich ist ein Ausschluss jener Staaten, die den Euro gefährden. Diese führen wieder ihre eigene Währung ein und fahren ihr ehemaliges Programm wieder an. Das heisst, bei Wirtschafts- oder Budgetproblemen wird abgewertet. So wie früher bei Drachmen, Lira, Pesetas und Escudos ... Inflation als Mittel zur Staatsentschuldung und Wirtschaftsankurbelung. Doch was passiert mit all jenen Euros, die diese Staaten herausgebracht haben? Werden diese wertlos? Oder 1:10 umgetauscht? Nein, Euro wird Euro bleiben, egal welche Länderkennung darauf steht. Allerdings kann es durchaus sein, dass die Bevölkerung jene Scheine der Pleitestaaten nicht mehr annehmen will, aus Angst, dass diese möglicherweise wertlos werden könnten.

In jedem Fall ist die Situation ziemlich ernst und wenn nicht schnell reagiert und gegengesteuert wird, kann es sogar kurzfristig zu einer Währungskatastrophe kommen, sei es ein kompletter Kollaps, eine Währungsreform oder eine Hyperinflation. Die EZB lässt jedenfalls verlautbaren, dies sei die ernsteste Situation seit Einführung des Euros ...

Leider zeigt es auch, dass durch die Unfähigkeit der Politiker die Bevölkerung in jedem Fall, egal was passieren wird, bezahlen muss. Sei es durch Vermögensvernichtung, mehr und höhere Steuern oder eine lang andauernde Depression. Wie man es dreht und wendet, es wird in jedem Fall teuer für alle beteiligten Staaten!

Wie man von Griechenland weiss, kommt es mit hoher Wahrscheinlichkeit auch zu Aufständen und Unruhen. Das, was im Land der Helenen bisher an Strassenkämpfen, Demonstrationen und Unmutsbekundungen zu sehen war, wo ganze Strassenzüge demoliert wurden, Autos und Geschäftslokale brannten und die Polizei mehr schlecht als recht die öffentliche Ordnung aufrecht erhalten konnte, wird rapide zunehmen und könnte als Flächenbrand auf andere Staaten übergreifen.

Denn, seien wir uns ehrlich, in erster Linie wird es - wie immer - besonders jene treffen, die nicht begütert sind. All jene, die durch einen Jobverlust oder Geldentwertung plötzlich vor dem Nichts stehen.

Und sparen werden diese Staaten in jedem Falle müssen. Das heisst, die staatliche Verwaltung abbauen, Sozialausgaben auf ein Minimum kürzen, drastische Steuererhöhungen einführen und so versuchen, der exorbitanten Verschuldung zu entkommen. Wobei die Zinszahlungen für bestehende Schulden das grösste Problem darstellen, denn je schlechter die Bonität eines Staates ist, desto höher sind die Zinsen. Griechenland hat bereits "Junk-Status", die anderen PIIGS-Staaten werden bald folgen.

Das sich kurzfristig Entscheidendes ändern wird, ist kaum zu erwarten, denn unser politisches System ist zu träge, um schnell und effizient reagieren zu können. Und wenn man die bisherige Ignoranz und Unfähigkeit unserer Politiker bezüglich der schon länger existenten Krise betrachtet, darf und kann man nicht erwarten, dass plötzlich Mut zur Veränderung und Wahrheit, Kreativität, Entschlossenheit und Entscheidungsfreudigkeit aufkommen. Ich befürchte, es wird zu lange abgewartet und mit dem Finger auf mögliche Schuldige gezeigt, um von der eigenen Unfähigkeit abzulenken.

Wir haben uns in einem Teufelskreislauf manövriert, aus dem herauszukommen nur mit drastischen Mitten möglich ist. Zu lange wurden alle Vorzeichen und Warnungen in den Wind geschlagen und die Selbstherrlichkeit unfähiger Politiker nicht erkannt. Sie machen sich mehr Sorgen über neue Überwachungs- und Kontrollmöglichkeiten der Bevölkerung, die sie alle pauschal als mögliche Terroristen verurteilen, als über grundlegende Veränderungen und Regulierungen eines Systems, das schon seit langem krankt und nun auf der Intensivstation gelandet ist.

Wir Europäer haben haben den Amerikanern nachgeeifert, wollten den "American Way of Life" in Europa leben, doch ohne der Entschlossenheit und Rücksichtslosigkeit der Yankees. Noch dazu sind viele Vorkommnisse aus der Vergangenheit, damit meine ich nicht nur der Faschismus in vielen Staaten (es war ja nicht nur Deutschland faschistisch), ein politischer Klotz an Europas Beinen, einen vorurteilsfreien, unabhängigen, selbstbewussten Weg zu gehen. Und sich nicht für jede politische Handlung irgendwo entschuldigen zu müssen.

Europa ist ein Viel-Nationen-Staat geworden, mit vielen Meinungen, vielen verschiedenen Bedürfnissen, die nicht zusammengewachsen sind, sondern in kurzer Zeit zusammengeführt wurden. Europa ist keine Einheit, sondern bleibt ein politischer Traum, der schon auf Grund der Vergangenheit nur sehr schwer zu erreichen sein wird.

Diese Währungskrise wird nicht nur den Euro auf eine schwierige Probe stellen, es wird auch die gesamte europäische Union in ihrer Sinnhaftigkeit und nicht vorhandenen Einigkeit zur Diskussion stehen. Und die Wahrscheinlichkeit, dass es den Euro, wie auch die EU zerreisst, ist ziemlich hoch. Wobei, es muss nicht nur ein Nachteil für uns alle sein! Aber lassen wir uns überraschen, wie unsere Politiker das Schiff aus schwerer See steuern werden ... oder werden wir alle untergehen? Sie sind in jedem Fall gefordert wie noch nie, vielleicht setzt das nun ungeahnte Kräfte frei!







Johannes (schnittpunkt2012@gmail.com)



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