Dienstag, 13. Oktober 2009

Von Ignoranten und Realitätsverweigerern

Im Kurier, einer doch grossen Tageszeitung in Österreich, stand - ich lese immer die Online-Ausgabe - dass mehr als die Hälfte aller Österreicher die Krise spüren ...

Ich mochte gar nicht wissen, wie sie auf diesen Wert oder diese Annahme gekommen sind. Ich nahm dies einmal als Recherchenergebnis hin und frug mich, allerdings nur in der grünen Hauptstadt der Steiermark, kurz Graz genannt, durch die Fussgängerzone.

Die Mehrheit spürt die Krise, also mehr als die Hälfte. Doch ebenfalls mehr als die Hälfte glaubt, dass bereits das meiste vorbei ist und es in Kürze wieder bergauf geht.

Natürlich waren mir diese beiden Fragen etwas zu wenig, ich wollte sie bloss als Einleitung benutzen, um weitere stellen zu können. Doch dabei erlebte ich eine gewaltige Überraschung. Kaum jemand ist über Zusammenhänge, Basics und Standards informiert. Nein, noch viel schlimmer, die meisten lehnen diese Informationen entschieden ab.

Das heisst, sie beziehen sich auf die sogenannten Mainstreammedien, wie TV, Tageszeitungen, Wochenwirtschaftsblätter und Sensationsmagazinen. Tja, dort sind wirkliche Informationen sehr dürftig. Sich ein komplettes Bild zu machen, ist demnach gar nicht möglich. Daher besteht ein enormes Informationsmanko. Oder glauben die Menschen nur, was sie glauben wollen?

Eine Pharmazeutin im Aussendienst hat mir erst kürzlich erklärt: "Uhi, das will ich gar nicht wissen, damit will ich mich gar nicht belasten!" Besser kann man die breite Masse nicht beschreiben. Das System ist fast göttlich, unumstösslich und kann gar nicht zusammenbrechen. Ausserdem haben wir so selbstlose, intelligente und vor allem kreative Politiker und Manager, die alles, wirklich alles im Griff und für jedes Problem auch Lösungen (bereits im Voraus) haben ...

Ich denke mal, das es genau jene Menschen sind, die wenn es "scheppert", die ersten sind, die sich aufregen, warum man ihnen nichts gesagt hat, warum man sie nicht gewarnt hat! Vor rund einem Jahr stand unser System zweimal ganz, ganz kurz vor dem Crash. Ein Zusammenbruch des Finanzsystems konnte nur äusserst knapp abgewendet werden. Ein Jahr später schreiben auch die Mainstream-Medien darüber ... doch die Masse ignoriert dies!

Deshalb weiss sie auch nichts über die Instabilität unseres Systems, vor allem auch, dass es jederzeit wieder soweit sein kann und im Grunde braucht es auch nicht sehr viel dazu. Denn trotz aller Aufschwungslügen und sonnigen Prognosen ist die Situation speziell im Bankenbereich enorm angespannt. Nur durch neue, äusserst betrügerische Bilanzierungsregeln und die sogenannten Bad Banks, sie kauften die Giftmüllpapiere der regulären Banken auf, konnten sich viele grosse, systemrelevante Banken am Leben erhalten werden. Statt Milliardenverluste und Staatshilfen schrieben sie plötzlich wieder gigantische Gewinne.

Zur explosiven Instabilität des Systems haben auch die gigantischen Überschuldungssituationen vieler Staaten beigetragen. Nach betriebswirtschaftlichen Regeln wären einige Staaten schon längst bankrott. Galt bisher es als unwahrscheinlich, dass Staaten pleite gehen können, so haben uns Island, Ungarn, Ukraine, Lettland, u.a. das Gegenteil bewiesen. Aber auch grössere, systemrelevante Staaten stehen kurz vor dem Bankrott. Dazu zählen neben Grossbritannien und die USA auch Irland und die gesamte Südschiene Europas.

Doch in der Dringlichkeit und Deutlichkeit wie es jetzt angebracht wäre, liest man nichts in den Mainstream-Medien. Ab und zu ein aus dem Zusammenhang gerissener Artikel, der ohne Hintergrundinformation auch nicht den Ernst der Lage aufzeigt.

Wirtschaftsinstitute, Politker und Ökonomen sorgen mit falschen Prognosen für die Meinung, wir hätten das meiste der Krise schon hinter uns. Ich darf daran erinnern, dass all jene, die Wirtschaftsinstitute, genauso wie Politiker und Ökonomen bisher in fast allen Prognosen völlig falsch gelegen sind! Die Krise entwickelt sich immer schneller in Richtung Crash, der Point of no return wurde schon lange überschritten!

Aber solange uns die Stories der Yellow Press, also der unvermeidlichen Klatschblätter, die jeden Furz und Rülpser der Promis und Möchtegern-Promis bringen, für die Masse noch interessanter ist, als die derzeitige Situation einer weltweiten, noch nie in dieser Schwere dagewesenen Krise, kann es uns noch nicht schlecht gehen! Solange wird die Masse auch die Realität verweigern. Mit ihnen auch Politiker, Wirtschaftsinstitute und Ökonomen.

Ich frage mich tatsächlich, wann die Menschen endlich aufwachen! Zeichen dafür gibt es genug, man braucht heute auch nicht mehr lange danach zu suchen.

Hat die Ignoranz damit zu tun, weil man den jetzigen Lebensstandard möglichst nicht verlieren möchte und deswegen wie ein Vogel Strauss den Kopf in den Sand steckt? Doch wir werden alle betroffen sein und wer nicht entsprechend vorbereitet ist, mit dem System untergehen ...

Das besonders schlimme daran ist, dass es besonders in den Städten eine radikale "Just-in-time-Gesellschaft" gibt. Die ihre Bedürfnisse dann abdecken, wenn sie akut sind. Das heisst, ich gehe dann Einkaufen, wenn ich Hunger habe. Oder ich gehe dann zum Bankomat, wenn meine Brieftasche leer ist.

Früher und jetzt auch noch auf dem Land, wurde wöchentlich oder monatlich eingekauft. Meist waren Lebensmittel für mehrere Wochen, oft für mehrere Monate eingelagert. Vor allem Grundlebensmittel, wie Nudeln, Mehl, Zucker, etc.. Nur Obst, Gemüse und Milch, also leicht verderbliche Lebensmittel wurden frisch gekauft.

Ich kann mich auch noch erinnern, bei meinen ersten Jobs vor gut 25-30 Jahren, jeden Freitag oder jenen Monatsletzten das Gehalt im Gehaltsackerl bar vom Chef zu bekommen. Damals gab es noch nicht den Überweisungswahn. Ich hatte das gesamte Monatsgehalt zu Hause und sparte eben das, was ich nicht benötigte, auf einem Sparbuch an.

Nun schreibt, wie anfangs erwähnt, der Kurier, dass mehr als die Hälfte aller Österreicher die Krise spüren. Meine Recherchen haben ergeben, dass sie zwar die Krise spüren, aber ihre Sensibilität und ihr Interesse sind anderwertig focusiert. Noch hat die grösste Katastrophe, in die sich die Menschheit selbst hineinmanövriert hat, keinen Platz in ihrem Leben. Noch sind profane und banale Dinge wichtiger, als sich für etwas vorzubereiten und vorzusorgen, was uns alle in Kürze betreffen wird! Auch wenn es noch ignoriert und die Realität verweigert wird, der Crash wird kommen, so sicher, wie morgens die Sonne aufgeht und abends wieder unter. Es ist nur eine Frage der Zeit, wie lange das System noch hält. Irgendwann muss es aufgegeben werden und dann kommt der grosse Knall - heute, morgen, nächstes Monat, nächstes Jahr ...

Lebensmittel für drei Monate kosten nicht viel. Doch die Ignoranz oder falscher Geiz (oder soll ich sagen, Überheblichkeit) kann für die meisten wirklich fatale Auswirkungen haben. In Österreich, in Deutschland, in den USA und überall auf der dieser Welt.

Vorsorgen ist eine Investition in eine Zukunft, die unsicherer nicht sein kann. Wahrscheinlich wird sie noch brutaler, als wir alle es uns vorstellen können. Mit Panikmache und Geschäftemacherei hat das nichts zu tun, sondern mit Verantwortungsbewusstsein und Vorsorgebedürfnis. Selbst Tiere, die wir generell unter unser Bewusstseins- und Intelligenzniveau stellen, sorgen vor und sammeln für den Winter. Nur wir befinden uns immer noch im "Just-in-time-Wahn" und glauben "falschen Propheten", nur um etwas zu erhalten, das schon lange verspielt wurde.

Jetzt werden erst die "richtigen Hämmer" kommen, wenn "Aufschwungspolitiker" zugeben müssen, dass die Rententöpfe bereits leer sind, die Steuereinnahmen einbrechen, der Sozialstaat am Ende ist, die Insolvenzen und Massenentlassungen erst richtig beginnen und "alle" von den Vorgängen regelrecht überrascht wurden. Sie alle werden sagen: "Das konnten wir nicht voraussehen!"



Johannes (schnittpunkt2012@gmail.com)






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1 Kommentar:

Flotschy hat gesagt…

Gut geschriebener Artikel und leider doch zu wahr! Ich merke das selber in meinem Umkreis - warne die Leute schon seit März 2008 vor dieser Krise, ein paar wenige haben sich etwas mit Gold, Silber und einigen Lebensmitteln usw. vorgesorgt, der große Rest will aber nichts davon wissen. "Man lebt ja schließlich nur einmal, was solls? So arg wird's schon ned werden, Vater Staat wird das schon machen.", heißt es dann.

Aber so ist es immer in solchen Krisen - war 1929 auch schon so, da waren die Anzeichen auch schon lange zuvor absehbar und das herdenartig reagierende "Dumb Money" hat auch nichts dagegen unternommen. Das Ergebnis davon kennen wir ja und wird mit der jetzigen Krise noch um einiges schlimmer ausfallen, als dazumal. Dann gilt das Motto: "Wer nicht hören wollte, wird leider fühlen müssen."

Dennoch sollte man diese Zeit nutzen um evt. noch den einen oder anderen zum Aufwachen zu bringen, umso stärker die Krise wird, umso mehr Leute werden sich darüber Gedanken machen.