Donnerstag, 25. Juni 2009

Investigativer Journalismus

In den vergangenen Tagen hörte ich im Auto eine Radiosendung von Radio Graz über investigativen Journalismus. Es waren Journalisten als Interviewpartner im Studio und eine Antwort auf die Frage: "Warum gibt es keinen investigativen Journalismus mehr?" wurde ungefähr so beantwortet: "Im Gegensatz zu jener Zeit, wo zwei amerikanische Journalisten monate- bzw. jahrelang an der Watergate-Affäre recherchierten und schlussendlich mit dem Ergebnis den amerikanischen Präsidenten stürzten, haben heute die Redakteure die Zeit für solche Recherchen nicht mehr. Der Druck von den Chefredakteuren und Zeitungsmanagern ist so gross geworden, dass diese Art von Journalismus nicht mehr möglich ist!"

Ich war sprachlos! Traute meinen Ohren nicht! Als dann noch der verstorbene Alfred Worm als der letzte investigative Journalist genannt wurde, schob ich eine CD in die automobile Jukebox und hörte mir lieber die wunderschöne Stimme der Neo-Österreicherin Anna Netrebko an.

Das war es also, warum kaum mehr etwas der Intrigen, Geheimniskrämerei, Betrügereien und Täuschungen der Mächtigen an die Oberfläche kam. Sie haben "freie Fahrt"! Wenn sie sich nicht besonders dumm anstellen, bleibt alles im Dunkeln. Bravo Standard! Bravo Kleine Zeitung! Bravo Kurier! Bravo Die Presse! ... egal welche Namen ihr trägt! (diese Auflistung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und kann bis zu den Regionalblättern fortgesetzt werden!)

Doch sehen wir uns einmal an, wie Meldungen in die Medien kommen. Es gibt fünf Varianten:

1) Die Meldung kommt über eine Presseagentur in die Redaktion. Jedes Land verfügt über eine nationale Presseagentur (in Österreich ist es die APA, weltweit ua. Reuters), die nationale Meldungen weltweit den Medienredaktionen offeriert. Oftmals sieht man das daran, dass der Text in den verschiedenen Medien fast deckungsgleich ist, ebenso in vielen Fällen die selben Bilder verwendet werden. Das heisst, es ist keine subjektive Meinung eines Fachjournalisten, sondern einfach ein "cut & paste" (Ausschneiden & Einfügen) vorgefertiger Meldungen.

2) Die Meldung kommt per Presseaussendung oder Presseveranstaltung von Unternehmen, Prominenten, staatlichen Stellen oder Organisationen. Meist gleichen sie sich ebenfalls und werden per "cut & paste" eingebaut.

3) Der Redakteur (ich vermeide ab jetzt die Bezeichnung Journalist, weil der Redakteur nicht investigativ arbeitet, sondern nur vorgefertigte Meldungen bringt) macht ein Interview und bringt dieses weitgehend authentisch wieder.

4) Der fantasievolle Redakteur muss in kürzester Zeit einen Artikel zu einem aktuellen Thema bringen und fügt - Sensationen verkaufen sich besser - einiges hinzu, was nicht unbedingt der Wahrheit oder dem Geschehenen entspricht. Nachzulesen bei diversen Medien, die fast ausschliesslich auf Sensationen aufgebaut sind (aber nicht auf investigativen Journalismus). Meist beruht der Artikel ursprünglich auf Meldungen von Presseagenturen und wurde "gepimpt".

5) Die "gekauften" Artikel sind die fünfte Variante. Durch Werbung, die in dem Medium geschalten wurde, stehen Unternehmen auch redaktionelle Beiträge zu. Das Unternehmen entwirft einen (Presse)Text, der meist auch per "cut & paste" übernommen wird. Vor allem die "Gratispostillen" sind voll mit dieser versteckten Werbung ...

Vermisst du etwas? Ja, richtig, jenen Journalisten, der entweder selbst auf "Etwas" draufkommt oder einen Tipp aus seinem Netzwerk bekommt, diesem nachgeht, recherchiert, untersucht, mit vielen Leuten redet, Dokumente und Akten durchsieht, bei Behörden und Organisationen nachfragt, alle Betroffenen interviewt und nach aufwändiger Arbeit ein belegbares, nachvollziehbares Ergebnis veröffentlicht.

Nein, es ist - wie könnte es in unserer schnellebigen Zeit anders sein - keine Zeit dafür. Journalisten, Entschuldigung, Redakteure werden dafür bezahlt, dass sie den freien Platz füllen ... egal wie, Hauptsache schnell. Nicht die Qualität der publizierten Meldungen ist wichtig, sondern die Quantität!

Andreas von Bülow, deutscher Ex-minister, Ex-Staatssekretär, Rechtsanwalt und Buchautor, hat die Medienpolitik des CIA (amerikanischer Geheimdienst) so beschrieben: "Die Medien werden mit Meldungen versorgt. Drucken sie diese in unserem Sinne ab, profitieren sie davon, weil wir sie zu exklusiven Reisen und Wochenenden einladen, um die Freundschaft zu vertiefen. Dabei werden auch ab und zu ausgefallene Wünsche erfüllt. Uns ist wichtig, dass unsere Sichtweise veröffentlicht wird. Hält sich ein Medium nicht daran, bekommt es von uns keine Informationen mehr!!!"

Dazu kommt, dass ALLE Medien von Anzeigenkunden abhängig sind. Diese zu verärgern, ist, als würde man an dem Ast sägen, auf dem man sitzt. Und wir wissen, wenn es Probleme eines Unternehmens gibt, hilft meist eine "Informationskampagne" ... um die tatsächlichen (aber subjektiven) Hintergründe offenzulegen! Natürlich möchte jedes Medium von dieser "Informationskampagne" profitieren. Also wird dem "Kunden" möglichst NICHT weh getan ...

Journalismus ist eine Grauzone, die zwischen Ertrag (Gewinn) und Information angesiedelt ist. Die Medien wollen und müssen wirtschaftlich überleben, der Konkurrenzdruck ist sehr gross, Zeit ist knapp, und so erreichen uns Meldungen, die uniform, einseitig und manipuliert sind. Egal wie sehr auf die vielzitierte Unabhängigkeit verwiesen wird. Unabhängigen, investigativen Journalismus gibt es nicht mehr! Der wurde mit Alfred Worm, zumindest in Österreich, zu Grabe getragen! (In anderen Ländern ist die Informationssituation ebenso "beschissen")

Allerdings gibt es eine neue Form der Informationsverbreitung, die immer relevanter und zunehmend akzeptiert wird. Es sind die Blogger, allen voran Freeman von alles-schallundrauch.blogspot.com und der Blogger des wirtschaftquerschuss.blogspot.com ... nur um zwei zu nennen, deren Tausende es gibt! Dort werden auch sensible Themen beleuchtet, relevante Daten präsentiert, die sonst nicht den Weg in die Öffentlichkeit finden, subjetive UND objektive Meinungen vertreten, konträr zum Mainstream publiziert ... und tatsächlich das praktiziert, was in den Mainstreammedien offensichtlich nicht mehr möglich ist, nämlich investigativer Journalismus praktiziert. Gott sei Dank, denn sonst würden wir alle der Manipulation der Medien erliegen, die fast nur abschreiben, vorgefertigte Meinungen veröffentlichen und "keine Zeit" mehr haben, heute so Aktionen wie einen Watergate-Fall aufzudecken.

Uniforme, weichgespülte, meist aussagelose Meldungen als Füllungen für den Platz, der sicher besser verwendet werden könnte, doch man möchte nirgends anecken, ist doch alles Geld, sprich Profit ...



Johannes (schnittpunkt2012@gmail.com)



Meldungen:



Opel verliert täglich 6 Millionen Euro (kurier.at)
Finanzkrise bedroht visionäres Stadtteil-Projekt (derstandard.at)
Neue (Aus-)Sicht für Medici (derstandard.at)
Eine neue globale Finanzordnung ist nötig (derstandard.at)
Felderer für Erhöhung der Mehrwertsteuer (derstandard.at)

7.600 Austro-Millionäre weniger (derstandard.at)



Goodbye Dollar - Explodierende Staatsschulden, Geldschwemme und Finanzkrise untergraben das Vertrauen in das globale Geld- und Währungssystem. Ohne eine grundlegende Reform drohen schon bald neue Krisen. Bei einer Neuordnung könnte Gold eine wichtige Rolle spielen. (wiwo.de)

Die Banken behalten das billige Geld für sich - Die Europäische Zentralbank hat die Rekordsumme von 442 Milliarden Euro in den Finanzmarkt gepumpt. Banken freuen sich über die günstige Möglichkeit zur Refinanzierung. Doch die Verbraucher haben wenig von dem billigen Geld: Dispozinsen und Konsumentenkredite werden nicht günstiger. (welt.de)

Banker brauchen Kohle - Citigroup hebt Gehälter um 50 Prozent an - Die angeschlagene Citigroup, die von der US-Regierung 45 Milliarden Dollar erhielt, will die Grundgehälter ihrer Angestellten um bis zu 50 % anheben. Damit will man die entfallenden Bonusvergütungen kompensieren. (wirtschaftsblatt.at)

Der Irrweg des Schuldenpräsidenten - Barack Obama will die Wirtschaft stimulieren und beschleunigt so Amerikas Abstieg. Die benötigten Milliarden werden nicht geliehen, sondern gedruckt. Kanzlerin Merkel sollte bei ihrem Washington-Besuch das tun, was Vorgänger Schröder im Irak-Krieg getan hat: Nein zum Irrweg der US-Regierung sagen. (spiegel.de)

Bundesbank: Stärkerer Einbruch 2009, kein Wachstum 2010, Deflationsgefahr - Bundesbank-Chef sieht schwarz für 2010: Kein Wachstum im kommenden Jahr. Konjunkturprognose der Regierung zu optimistisch. Wirtschaftseinbruch 2009 stärker als erwartet. Deflationsgefahr. (mmnews.de)

EZB pumpt Rekordbetrag in den Markt - Die europäischen Währungshüter versuchen, die Kreditvergabe der Banken zu beleben und stellen 442 Mrd. Euro frisches Kapital zur Verfügung - ein Höchstwert. Die Nachfrage ist gewaltig. Finanzminister Steinbrück mahnt die Institute nun an, das Geld weiterzureichen. (ftd.de)

Pimco-Chef erwartet heftige Kurseinbrüche - Mohamed El-Erian sah die Finanzkrise früh voraus. Nun rät der Mann mit Kultstatus Anlegern: "Wer unbedingt kaufen will, sollte nur Geld investieren, das er nicht für die Miete oder Ausbildung seiner Kinder braucht." (ftd.de)

Es werde Geld – es werde Krise - Die Vorschläge zur Regulierung der Finanzmärkte gehen an einen fundamentalen Problem vorbei: Banken schaffen mit einem simplen Trick seit Jahrhunderten scheinbaren Reichtum, der sich immer wieder in Luft auflöst. Seit 1970 hat diese Praxis den Ländern der Welt 124 systemische Bankenkrisen beschert. (ftd.de)



Feedback:


Hallo Johannes,

mit dieser Email möchte ich mich heute für die sehr persönliche und sachliche Blogseite von Dir bedanken und mal ein Feedback geben (Sorry für das "Duzen", Herr Johannes hört sich komisch an - wäre aber auch nicht auszuschließen :-)

Deine Seite ist für mich ein philosophisches Highlight des Tages. Leider bin ich kein Finanzexperte, so dass ich mich erst seit ca. 1,5 Jahren mit der Volkswirtschaft beschäftige. Trotzdem möchte ich als Dank für Deine "herausragende Leistung" mich mit einem Kurzessay bedanken.
Wenn es nur schon als Anregung Deiner Gedanken dient, wäre mein Ziel dieser Email erreicht. Ich sehe also keinerlei Copyrights an der recht intuitiven These :-)
Mach bitte weiter so!
Harald


FED - hat alles im Griff
Aufgrund der Rezession, die in den Medien 2007-2008 nur verzerrt widergespiegelt wurde, machte 2008 die Zinssenkung nahe Null und den Mega-Bailout der US Regierung natürlich Sinn.
Um den Aufprall des Wirtschaftscrashs und den Anstieg der Arbeitslosenquote in den USA so weich wie möglich zu gestalten, macht auch dieser Tage Bernanke einen cleveren Schachzug: weitere 1.7 Billionen $ in den Markt zu werfen und von "wenn überhaupt gedämpfter Inflation" zu reden.
Das stimmt wohl auch, da zur Zeit die Geldmenge nicht bei der Masse ankommt und die Geldumlaufgeschwindigkeit durch die Crashstarre auch beinahe Null ist. So wird wirklich "für einige Zeit" die Inflation niedrig sein.
Sobald jedoch eine Verbesserung bei der USA-Wirtschaft zu verzeichnen ist, was die Welt wohl wieder verspätet mitbekommen wird, kann gefahrlos für Amerika ein Währungsschnitt erfolgen. Der Zeitgeist in den Köpfen des Volkes wird dann durch die "Krise" gezeichnet sein und jeder Amerikaner wird sich mit der nächsten "plötzlichen" Aktion einverstanden erklären. So wird eine Rohstoffwährung (Währungskorb aus mehreren Rohstoffen) geschaffen und die nächste Stufe des Politiker Lieblings Keynes wird erklommen. Szenen wie Ölpeak, JPMorgans Öl-Handel und Sammlung der Tanker, Volkswerbung für Gold etc. würde dann in einem neuen Licht dastehen. Amerika stände aufgrund der zu Recht beanspruchten Rohstoffquellen als Währungshüter wieder fein da und die übrige Welt bleibt auf den kleinen grünen Scheinchen mit dem Abbild eines Alten Mann "sitzen".

Gedanken aufgrund von:

http://www.ftd.de/politik/international/:Zinssitzung-Fed-zerstreut-Inflationssorge/531522.html
http://www.wiwo.de/politik/goodbye-dollar-400556/print/
http://www.manager-magazin.de/geld/artikel/0,2828,632433,00.html

kostenloser Counter



Keine Kommentare: