Donnerstag, 7. Mai 2009

Spezial: Offener Brief an Gouverneur Ewald Nowotny

Danke, Herr Gouverneur, dass sie mir Lichtblicke bezüglich der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise mittels des Videointerviews im Standard zukommen liessen. Ich bin deutlich erleichtert, dass zum einen das "Wesentliche" erledigt ist und zum anderen sie "deutliche Zeichen der Entwarnung" aus Osteuropa orten.

Was mich allerdings bei diesem Interview stört, dafür können sie allerdings nichts, war dieser äusserst schaumgebremste und ungewöhnlich zahnlose Hans Rauscher, der mir ein wenig härter und zynischer in Erinnerung ist ...

Oder hat er bloss ein paar nicht unwichtige Fragen in der Aufregung glatt vergessen, die in Blickrichtung Krise von ausserordentlicher Wichtigkeit sind und die wahrscheinlich nur ein so kompetenter und mit Insiderwissen ausgestatteter Manager einer staatlichen Nationalbank beantworten kann. Ausser natürlich, man hatte sich schon im Vorfeld darauf geeinigt, diese Fragen einfach nicht zu stellen, denn sie könnten doch eine komplett andere Stimmung in der Bevölkerung erzeugen und den Menschen Angst machen. Verständlicher Weise darf das nicht der Fall sein.

Kurz um, im Gegensatz zu den Politikern glaube ich, dass sie die Wahrheit gesagt haben (von dem Wenigen, dass sie uns mitteilen wollten) ... allerdings haben sie sehr, sehr viel verschwiegen - glaube ich. Aber wenn man nicht dezitiert gefragt wird, muss man auch nicht antworten, oder?

Ich versetze mich jetzt in die Lage des Hans Rauscher, lege meine Amicalität ab und versuche sie ein wenig aus der Reserve zu locken, um Antworten zu bekommen, die wichtig wären, die aktuelle Lage ein wenig besser einschätzen zu können ... aber ich bitte Sie, verzeihen sie mir die Naivität des Laien, ich bin weder Ökonom, noch Finanzexperte, noch Wirtschaftsjournalist. Ich bin schlicht und einfach ein stinknormaler Bürger, der Antworten auf Fragen sucht!

Sie sagen bezüglich der Finanzkrise: "das Wesentliche ist erledigt!". Was verstehen Sie unter "das Wesentliche"? Sind es die mittlerweilen Billionen-Verluste der Banken? ... die ja mit Volksvermögen, also mit dem Geld der Steuerzahler weitgehend kompensiert wurden! Oder verstehen Sie unter "das Wesentliche", dass die Krise jetzt die Realwirtschaft erreicht hat, Auftragsbücher gähnende Leere aufweisen, Kurzarbeit um sich greift und Massenentlassungen wahrscheinlicher sind, als eine Erholung der Weltwirtschaft? Dass die Steuereinnahmen in allen industrialisierten Staaten bedenklich hoch zurückgehen, im Gegensatz sich aber die Staatsverschuldung exorbitant steigert. Was passiert, wenn Staaten wie Irland, Grossbritannien, Griechenland, Italien, Spanien oder Portugal pleite gehen? Wie lange können sie noch wirtschaften, ohne Hilfe von IWF und EU? Oder anders gesagt, wer soll die Unmengen an Staatsanleihen kaufen, die in den nächsten Wochen und Monaten ausgegeben werden? Wohl um sich neu zu verschulden, aber auch um Schulden zurück zu zahlen. Haben nicht Grossbritannien und Deutschland bei ihren letzten Auktionen ziemliche Schwierigkeiten gehabt und die geplante Summe an Anleihenverkäufen nicht erreicht? Was passiert, wenn keiner mehr diese "absolut sicheren Wertpapiere" haben möchte? Kauft die EU mit zusätzlich gedrucktem Geld? Geld, das nicht vorhanden ist? Und welchen Einfluss hat diese unglaubliche Summe an zusätzlicher Geldmenge auf die Währungspolitik? Ist die Gefahr einer Hyperinflation nicht äusserst gross dadurch? Denn die Geldmenge wird erhöht und gleichzeitig sinkt die Wirtschaftsleistung - für mich als Laien bedeutet das, dass unser €uro (oder auch der $ollar) um diese Summe weniger wert wird ... oder funktioniert das Währungssystem anders, als wir alle gelernt haben?

Wenn "das Wesentliche" erledigt ist, warum bereiten sich Staaten wie Deutschland, Frankreich, die USA und Grossbritannien auf Massenunruhen und Volksaufstände vor. Ich glaube nicht, dass, wenn die Krise stabilisiert oder entschärft wird, noch derartige Szenarien eintreten würden. Anders gesagt, diese Staaten rechnen mit sozialen Unruhen! Das wiederum sagt mir, dass "das Wesentliche" noch kommen wird ...

Für mich "wesentliche" Fragen sind, wie lange funktioniert der Staatsanleihenmarkt noch? Wie lange stützt und finanziert China die USA? Wann platzen die ersten Rückkäufe von Staatsanleihen, weil die Staaten bankrott sind? Platzt dann eine noch grössere Blase als die Subprime-Blase und die Wertpapier-Blase?

Was mich auch "wesentlich" interessiert, ist ein Thema, das in den letzten Wochen aus den Medien verschwunden ist, aber von dem ich glaube, dass es noch immer top-aktuell ist: die Bestände der CDS in den Banktresoren. Kaufen die Staaten, Nationalbanken und Bad Banks alle toxischen Schrottpapiere auf, so dass hier absolut keine Gefahr mehr droht? Haben sich die Philosophien der Hedgefondsbetreiber so geändert, dass sie jetzt auf, zwar renditearme, aber wesentlich sicherere Papiere setzen? ... Staatsanleihen, zum Beispiel? ;-)

Auch das Thema Osteuropa ist für mich trotz Milliardenhilfe durch die EU noch nicht erledigt. Mag sein, dass die (westlichen) Banken frisch kapitalisiert wurden, doch was passiert mit der Realwirtschaft? Bricht in einigen Ländern derzeit die Realwirtschaft nicht ein? Glaubt man den Meldungen aus der Ukraine, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, dem Baltikum, Polen, etc., dann haben die trotz EU-Hilfe und IWF ein fast unüberwindbares Liqiditätsproblem. Nicht nur die Staaten, wo einige Milliarden bloss der sprichwörtliche Tropfen auf dem heissen Stein sind, sondern auch die Klein- und Mittelbetriebe, und damit auch die Privaten, die ihre Schulden nicht mehr bedienen können, weil sie keine Arbeit mehr haben.

Zeigen Sie mir ein Land, in dem die Wirtschaft nicht im freien Fall ist, zeigen Sie mir ein Land, dass positive Zahlen schreibt, zeigen Sie mir ein Land, das mich optimistisch stimmt!

Ja, ja, es ist richtig, dass Österreich im Grunde gut da steht! Obwohl die Verschuldung heuer und in den nächsten Jahren exorbitant steigen wird. Sparen wird eine andere Bedeutung bekommen, denn bis jetzt ist von Sparen kaum etwas zu bemerken, sieht man von Wortspenden der Faymann-Pröll-Zwillinge einmal ab ... aber im europäischen und vor allem im internationalen Vergleich stehen wir noch verdammt gut da. Doch die meisten Staaten hatten bereits vor der Krise erhebliche Probleme, wir im Grunde nicht!

Österreich ist ein kleines Land mitten in Europa. Wir sind leider sehr abhängig von aussen. Wenn der Tourismus plötzlich fehlt, weil andere Nationen es sich nicht mehr leisten können, nach Österreich zu kommen, auch wenn es noch so schön, sauber, sicher und überhaupt ist, was dann? Wenn die Exporte einbrechen, weil die Aufträge fehlen, was dann?

Ich bin kein Pessimist, aber dass "das Wesentliche", was dies auch immer sein mag, erledigt ist, kann ich nicht glauben. Aber ich würde mich freuen, diesbezüglich Antwort zu bekommen. Ich würde auch mit Mikrofon und Videokamera ausgestattet mich auf die Reise nach Wien machen. Denn im Grunde habe ich noch viel mehr Fragen, die eine Antwort benötigen ...

Mit freundlichen Grüssen aus einem (heute) sonnigen Graz,

Johannes (schnittpunkt2012@gmail.com)



"Das Wesentliche ist erledigt" - Videointerview von Hans Rauscher (derstandard.at)









1 Kommentar:

G.S. hat gesagt…

super geschrieben!!! ich frage mich auch all diese dinge und kann nur mit verwunderung zur kenntnis nehmen dass es eben so läuft wie es läuft ... was soll man(n) da noch machen? ich war auf der demo in wien ... na und ... bringt nix ... zw. 6000 und 20000 haben sich dort getroffen ... gebracht hats nix ... in deutschland unterschreiben tausende die petition gegen onlinezensur ... ohne erfolg ... wenn ich in meinem bekanntenkreis das thema anspreche zucken ein paar mit den schultern ... andere sagen lass mich mit dem schas in ruhe ... ich packs nicht mehr ... ich bin knapp vor der resignation weil wir (die sich damit kritisch auseinandersetzten) immer noch eine verschwindend kleine minderheit sind ... trotz aller hoffnung dass wir mehr werden ...und dann kommen noch szenen wie in linz ... siehe auch meinen blog
http://neunzehnhundert84.blogspot.com/2009/05/1-mai-und-das-in-osterreich.html