Donnerstag, 16. April 2009

Absurdes Szenario?

Die Äusserung des Nobelpreisträgers Paul Krugman, Österreich ist ein Pleitekanditat, hat - zugegeben auch erwartungsgemäss - zu heftigen Reaktionen seitens der österreichischen Politiker geführt.

Was ist tatsächlich dran, an dieser Sache? Ich schrieb schon einige Male, dass Österreich ein ernsthaft gefährdeter Pleitekanditat ist. Rollen wir doch die Sache nochmals auf und betrachten wir die Dinge so, wie sie tatsächlich sind und nicht, wie sie die Politik und die betroffenen Banken darstellen.

Im September 2008 spitzte sich die Lage in Europa rund um den Euro plötzlich zu. Ein Kollaps konnte nur knapp vermieden werden. Lehman Brother gingen pleite und in England entstand durch den Bankrott der Nothern Rock Bank ein kleiner Bankenrun, der sich auch in Norddeutschland fortsetzte. Die Bank schlossen ihre Schalter und verhinderten auch Geldabhebungen am Bankomat. Läppische Ausreden sollten das Ärgste verhindern (Marderbiss an einem Computerkabel).

Darauf folgend wurden, damit sich die Lage entspannt, Garantieversprechen der Staaten für Spareinlagen und ganze Banken gegeben. Damals noch im Glauben, ein Staat könne nicht bankrott gehen (mittlerweilen hat uns die Geschichte eines besseren belehrt) und die Staatsgarantien werden sowieso nie fällig ...

In Österreich garantierte die damalige Regierung unter Bundeskanzler Gusenbauer und Finanzminister Molterer für gigantische 100 Milliarden Euro! Das war selbst gegen den "grossen Bruder" Deutschland ein Wahnsinnsbetrag. Zur Erinnerung: Deutschland, Einwohnermässig rund zehn Mal so gross wie Österreich, garantierte nur mit einer fünf Mal so hohen Summe, nämlich 500 Milliarden. So weit, so gut - es hoffte jeder, die Krise würde uns nicht so schwer treffen, da Österreich insgesamt relativ stabil ist und gut da steht ... und ausserdem haben wir doch in den Hoffnungsmarkt Osteuropa investiert und nicht in amerikanische Schrottpapiere. Das ist weitgehend, mit wenigen Ausnahmen richtig, doch der Hoffnungsmarkt Osteuropa wird zu einer Pleiteregion. Mehrere Staaten sind bereits bankrott oder stehen kurz davor (Ungarn, Lettland, Rumänien, Ukraine), andere sind nicht weit davon entfernt und ihre Währung befindet sich im freien Fall (Polen, Tschechien, Slowakei). Die EU und der IWF helfen bereits mit Milliardenspritzen aus, auch die Schweiz hat bereits an Polen Milliarden von Franken geschickt, weil die früher so beliebten Fremdwährungskredite in Franken für die meisten Kreditnehmer nicht mehr zurückzahlbar waren.

Die österreichischen Banken haben nach dem Mauerfall ein engmaschiges Bankennetz aufgezogen und auch mehrere grössere Bankinstutionen im Osten (meist heillos überteuert) gekauft. Insgesamt sind rund 330 Milliarden Euro an Krediten vergeben (nicht so wie FM Pröll angibt, nur 200 Milliarden, denn die Bank Austria, die ja schon Milliarden Staatshilfe in Anspruch genommen hat, sich aber im Besitz der italienischen Uni Credt befindet, muss dazugezählt werden!).

Nun bestehen zwei sehr ernst zunehmende Risiken. Zum Ersten das Kreditrisiko - das heisst, wie hoch wird die Ausfallsrate der aushaftenden Kredite sein. Pröll und die Bankenchefs gehen von fünf Prozent aus (hahahaha!!), bankenintern geht man bereits von weit über fünfzig Prozent aus, wenn es nicht zu einem Totalausfall kommen wird. Denn kapitalisiert sind die Mehrzahl der österreichischen Bankfilialen in Osteuropa mit Euro. Ausbezahlt werden Kredite normaler Weise in der Landeswährung, zurückbezahlt ebenfalls. Hier klafft natürlich ein grosses Loch durch den Währungsverfall. Denn das Geld, das zurückkommt, ist oft nur mehr ein Drittel weniger wert (Ungarn, Polen). Sollten die Kredite auf Eurobasis laufen, stehen die Kreditnehmer in der Regel vor grösseren Problemen, denn nun müssen sie um diese Währungsspanne wesentlich mehr zurückzahlen. Dazu kommt die wirtschaftliche Lage, immer mehr sowohl Unternehmen wie auch Private schlittern in die Pleite, das heisst, die Kredite müssen abgeschrieben werden. Verschärft sich die Lage, davon ist auszugehen, wird dieser Ausfall wesentlich höher. Wenn in Deutschland durch die Pleiten und Arbeitslosigkeit von Kreditausfällen zwischen zehn und zwanzig Prozent im eigenen Land gerechnet wird, muss der Anteil in den Oststaaten wesentlich höher sein! Denn die Eigenkapitalquote ist auf Grund der realtiv jungen Unternehmen sehr gering. Gehen wir davon aus, dass einige der Oststaaten selbst bald in die Pleite schlittern und wahrscheinlich dann kaum mehr mit Hilfe der EU oder des IWF zu rechnen ist, kann man zumindest dort mit einem Totalausfall rechnen. Demnach sind die Schätzungen von Kreditausfällen jenseits der fünfzig Prozent real, die Schätzung von fünf Prozent gefährlich naiv!

Zum Zweiten spricht Pröll von Einlagen in der Höhe von rund fünfundachzig Prozent des gesamten Kreditvolumens. Das halte ich (und viele andere auch) als eine glatte Lüge! Denn nirgendwo anders war der Nachholbedarf nach dem Mauerfall so gross wie in den Oststaaten. Es wurde eingekauft, als gäbe es keine Grenzen ... alles auf Pump oder Leasing. Da ist für den Spargroschen kaum was vorhanden! Ausserdem gehören diese Einlagen, seien es Sparbücher oder Konten, den Besitzern - und nicht der Bank! Das heisst, diese Gelder dürfen gar nicht zur Abdeckung von Kreditausfällen hergenommen werden!

Durch die vom Staat Österreich gegebene Garantie von 100 Milliarden Euro, von denen schon einige als "Eigenkapitalaufstockung" an Banken vergeben wurden (und im Normalfalle auch mit Zinsen zurück gezahlt werden müssen ... aber die Krise ist eben kein Normalfall), kann es im Fall der Fälle zum Staatsbankrott der Republik Österreich kommen. Denn 100 Milliarden, oder sollten es auch nur mehr 80 Milliarden sein, kann der Staat nicht aufbringen!

Ich möchte nochmals betonen, bisher haben wir "Älpler" die Krise fast unbeschadet überstanden. Uns geht es noch verdammt gut. Der Staat funktioniert noch (es wurde sogar ruck-zuck noch der Gratiskindergarten eingeführt), auch die Sozialleistungen (derer wir nicht wenig haben) und Faymann lächelt immer noch (das ihm allerdings bald vergehen wird). Wir haben keine exoritant hohe Staatsverschuldung, die Arbeitslosigkeit und die Insolvenzen halten sich (noch) in Grenzen ... also (noch) alles in Butter auf der Insel der Seligen! Oder doch nicht? Die Steuereinnahmen gehen allerdings angsterfüllend zurück, und das ist ein schlechtes Zeichen!

Demnach sind wir nicht unmittelbar von einem Staatsbankrott bedroht. Doch zu sagen, das sei absurd, ist eine glatte Lüge. Früher oder später wird es dazu kommen. Spätestens im Sommer, wenn andere europäische Staaten auch kippen ...


Johannes (schnittpunkt2012@gmail.com)


Themenbezogene Links:


Blog von Paul Krugman auf der Homepage der New York Times (krugman.blogs.nytimes.com)

Pröll an Krugman: "Absolut absurd" (derstandard.at)
Diskussion um Staatspleite-Sager (derstandard.at)
Dem Untergang geweiht? (derstandard.at)
Pröll: Wirtschaftskrieg am Rücken Österreichs (diepresse.com)

Droht Österreich der Staatsbankrott? Starökonom Paul Krugman heizt die Debatte um die Probleme der österreichischen Banken in Osteuropa erneut an: Sogar das Reizwort Staatsbankrott nahm er in den Mund. Entsprechend macht sich in Österreich Empörung breit. Doch wie konkret ist das "Bedrohungsszenario Ost" wirklich? (manager-magazin.de)


... der pleitegeier kreist über österreich


Meldungen:


Inflationsrate sinkt auf 0,8% (derstandard.at)
FMA: Austro-Banken haben keine Giftpapiere (kurier.at)
USA: Kreditkartenschulden so hoch wie nie (kurier.at)
Der Riesenvogel spürt die Krise (nzz.ch)
Österreich unter Top 10 der Steueroasen? (kurier.at)



Vorbereitung auf Unruhen seitens der Zivilbevölkerung in den USA: Gesetzgebung zur Errichtung von Internierungslagern an US-Militärbasen. (radio-utopie.de)

"Radikale Stimmung unter den Arbeitslosen" - Der Soziologe Klaus Dörre warnt vor einem Wutstau, der in Deutschland ausbrechen könnte. (berlinonline.de)

Die dritte Phase der Krise - Konjunktureinbruch - Keine Großdemos, keine Geiselnahmen: Noch ist alles friedlich in Deutschland. Doch wenn die Krise in die nächste Runde geht, wird es mit der Ruhe bald vorbei sein. (sueddeutsche.de)

US-Industrieproduktion bricht weiter ein - Die US-Industrieproduktion ist nach den heutigen Daten der US-Notenbank (FED) im März 2009 den fünften Monat in Folge eingebrochen. Der US-Industrieproduktionsindex fiel auf 97,3755 Punkte bzw. um -1,5% zum Vormonat und um -12,8% zum Vorjahresmonat. (wirtschaftquerschuss.blogspot.com)

Tricksen die US-Banken mit den Zahlen? lötzlich ein Milliardengewinn. Die ersten Zahlen der US-Banken lassen hoffen, dass das Schlimmste vorbei ist. Auf den ersten Blick. (blick.ch)

Der Welt droht ein Krieg der Währungen - Die Finanzkrise macht die Zentralbanken erfinderisch. Immer mehr Staaten setzen im Kampf um Wettbewerbsvorteile auf die Abwertung ihres Geldes – auf Kosten der Nachbarn. Ein Blick in die Geschichte zeigt: Wer die billigste Währung hat, kommt besser durch eine Krise und als erster aus ihr heraus. (welt.de)

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Das Flations-Durcheinander Inflation, Deflation, Stagflation, Disinflation - die Begriffe für die Preisentwicklung vermehren sich immer schneller. Jeder bastelt sich seine Welt, wie sie ihm gefällt. Neu angestossen wurde die Debatte durch die Meldung, dass die US-Verbraucherpreise erstmals seit fast 54 Jahren gesunken sind. (zeitenwende.ch)





Sachen zum Schmunzeln (... wenn sie nicht so ernst wären!):





Gibt es Positives an der Krise?
Antworten von Kabarettisten als Ansichtssache in derstandard.at

I Stangl: Worüber ich lachen kann? Ich lache herzlich über die Aktien-Menschen, die mich früher voller Mitleid belächelt haben. Mich Sparbuch-Heini. Jetzt reiße ich den Finanzhaien den Arsch auf, mit meinen 1 % Zinsen! Danke Bank Austria! Und alles Gute mit unseren Steuermilliarden, freue mich schon auf 1,1 %!



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