Freitag, 1. Mai 2009

1. Mai - Tag der Arbeit

Früher, wenn ich mich an meine Kindheit erinnere, waren die Maiäufmärsche der Sozialisten wesentlich grösser und pompöser. Jungeisenbahner schmückten mit rot-weiss-rotem Krepp ihre Fahrräder, die Strassen und der Hauptplatz unserer Kleinstadt war in ein rotes Fahnenmeer getaucht, Tausende beteiligten sich am Umzug, wo es am Ende Würstel und Bier gab.

In dieser Kleinstadt gibt es schon seit Jahren keinen Aufmarsch am 1. Mai mehr. Keine glühenden Reden von Regionalpolitikern gegen den Kapitalismus, nur mehr Fahnenschmuck in den Strassen - war´s das mit dem 1. Mai? Ist dieser zu einem ganz normalen "arbeitsfreien" Feiertag degradiert? Oder bekommt dieser Tag jetzt in der Krise eine neue Bedeutung?

Es gibt kein Recht auf Arbeit. Das konnte sich vielleicht die kommunistische Planwirtschaft leisten - die es allerdings nicht mehr gibt - aber im Kapitalismus kann es dieses Recht nicht geben, denn der freie Markt regelt alles, auch die Arbeitsplätze ...

Heute werden europaweit wieder Demonstrationen, auch mit Ausschreitungen erwartet. Wieviel Sinn macht der 1. Mai überhaupt noch, wenn man mittelfristig davon ausgeht, dass Millionen ihre Jobs verlieren, Massenarbeitslosigkeit droht und weder Partei noch Gewerkschaften etwas dagegen tun können.

Heute, am Tag der Arbeit mitten in einer globalen Finanz- und Wirtschaftskrise, wo jeder fünfte Arbeitsplatz bedroht ist, erinnert das Spektakel der roten Fahnen, maschierenden Genossen und blumigen Politikerreden an die bizarren Aufmärsche der kommunistischen Ära. Irgendwie beschleicht mich das Gefühl, dieser Tag hat sein Ablaufdatum erreicht.

Kein Arbeiter, keine Gewerkschaft kann real heute noch fordern. Es ist fast Glück, noch einen Job ohne Lohnkürzungen zu haben. Dunkle Wolken am Wirtschaftshimmel und die viel gepriesene "soziale Verantwortung" schwimmt den Bach hinunter.

Es wird kälter im Land, und es wird härter. Forderungen wandeln sich in Bitten, die Schlangen an den Arbeitsämtern werden länger, die Löhne kleiner. Bald wird viele Arbeit um sprichwörtliches Essen und Trinken angeboten werden. Für was, für welche Sache wird am 1. Mai noch gekämpft? Der Langzeitfeind der Genossen, der Kapitalismus, liegt im Koma ...

Wird der 1. Mai zum "Tag der bedrohten Arbeit"? In jeden Fall werden die Kundgebungen und Aufmärsche heute im Zeichen der Krise abgehalten. Hätten diese sozialistischen Politiker, die entsprechende Reden schwingen und Forderungen stellen werden, nicht schon vor Jahren handeln müssen? Ihre Worte werden beklatscht, bejaht und dann wird sie der Wind forttragen. Ein Zeichen der jahrelangen Unfähigkeit, Selbstüberschätzung und Fehleinschätzung.

Was wirklich Angst macht? Dass alle Systeme, vom sozialistischen Arbeiter und Bauernstaat bis hin zum ausschweifenden, dekatenten Kapitalismus versagt haben. Da hilft auch kein 1. Mai!


"Wenn wir nur für Geld und Gewinn arbeiten, bauen wir uns ein Gefängnis" (Antoine de Saint-Exupery)


Johannes (schnittpunkt2012@gmail.com)


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1 Kommentar:

Maldek hat gesagt…

"Was wirklich Angst macht? Dass alle Systeme, vom sozialistischen Arbeiter und Bauernstaat bis hin zum ausschweifenden, dekatenten Kapitalismus versagt haben. Da hilft auch kein 1. Mai!"


Versagt? Versagt im Bezug auf was?
Wollen wir beurteilen ob etwas versagt hat, wäre es hilfreich zu wissen was die Aufgabenstellung eines "Systems" genau ist.

Freiheit für alle? Machtmaximierung für wenige? Ganz unterschiedliche Aufgabenstellungen - wenn wir uns jetzt anschauen was alle Imperien seit dem röm. Reich so geschaffen haben....ja dann kommen wir der Frage näher ob ein "System" versagt hat oder nicht.

Schlaue Menschen haben gesagt:
"Wenn du das tust was du immer getan hast, wirst du genau das erreichen was du erreicht hast."

Wieso sollte sich also das Ergebnis des Anglo-amerikanischen Imperiums vom Ergebnis anderer Imperien unterscheiden?
Das römische, das venezianische, das deutsche, das russische usw usf....alles Imperien, alles mehr vom gleichen.